EinBlick ins Gehirn

Informationsveranstaltungen mit Prof. Braus

Von Fr. Hundt

Vollkommen ratlos schauen Eltern ihren pubertierenden Sprösslingen hinterher, wenn sie nach einem Streit lautstark die Wohnzimmertür hinter sich zuknallen oder morgens in zu kurzem Jeansrock, der eher an einen Gürtel erinnert, aus dem Haus stolzieren. Die Achterbahn der Gefühle durchlaufen die Erziehungsberechtigten mit allen Höhen und Tiefen mit ihren Töchtern und auch Söhnen. Gemeinsam erinnern sich die Erwachsenen an das gemeinsame Sonntagsfrühstück, das ebenso der Vergangenheit angehört, wie die Tatsache, dass Papa der Superheld ist.

Pubertät ist die Zeit, wo die Eltern anfangen zu nerven – oder aber, fragt man diese, der Nachwuchs unberechenbar und anstrengend wird. Manchmal überfordert mit der Erziehung oder einfach nur orientierungslos, suchen viele Eltern Rat oder auch nur den Austausch. Sie wollen verstehen, was genau ihren Nachwuchs beschäftigt oder umtreibt. Als unsere Schule einmal mehr zu einem Informationsabend für Eltern mit Prof. Dr. Braus, dem ärztlichen Direktor der Klinik für Psychiatrie HSK Wiesbaden, einlädt, ist die Aula bis auf den letzten Platz gefüllt: Mütter, aber auch Vater, zeigen sich hochinteressiert am Vortrag von Braus zu dem Thema: „Pubertät – Das Gehirn im Ausnahmezustand“.

Der Vortrag findet in diesem Jahr zum 11. Mal statt und ist, wie Biologielehrerin und Koordinatorin unserer Präventionsveranstaltungen, Annette Herms-Waldschmidt, erzählt, mittlerweile fester Bestandteil unseres Präventionsprogramms. Prof. Dr. Braus, der, wie er verrät, selbst zwei Töchter hat, von denen eine noch unsere Schule besucht, erläutert den Zuhörern, was während der Pubertät im Gehirn passiert und was sich verändert . Er gibt den Eltern, wie Herms-Waldschmidt erzählt, konkrete Handreichungen mit auf den Weg und zeigt Wege auf, mit Kindern in der Pubertät konstruktiv umzugehen. Dabei betont Braus vor allem, dass die Eltern ihren Nachwuchs gewähren lassen sollten, da nur die, die „Toleranz“ erlebten, eine reife Persönlichkeit entwickelten. Dazu gehöre es zwar nicht, die grünen Haare auf einmal toll zu finden, aber eben auch nicht, sie zu verdammen. Ignorieren laute da die Devise.

Das aber ist im Einzelfall leichter als gesagt, denn was im Kopf des Nachwuchses so vor sich geht, bleibt für viele Eltern ein Buch mit sieben Siegeln. Professor Braus erklärt, dass sich die Erwachsenen die beteiligten Hirnstrukturen einfach als ein „weißes Pony“ und einen „roten Elefanten“ vorstellen müssten. Dieses Bild veranschaulicht nachdrücklich, dass der Mensch vom emotionalen Apparat, dem roten Elefanten, und dem weißen Pony, dem Verstand, dem Bewusstsein und den Hirnwerkzeugen, angetrieben wird, aber gerade in der Pubertät auch deren Wettstreit unterliegt. Der rote Riese hat nicht nur der Größe nach eine enorme Kraft auf unsere Entscheidungen und steht für schnelles Denken und Entscheiden, er sichert im Zweifel auch unser Überleben. Das weiße Pony hingegen steht für langsames und vernunftbezogenes Denken und eben auch Entscheiden. Erst in der Pubertät werde das Zusammenspiel der beiden Antagonisten optimiert und das Hirn für das Erwachsensein vorbereitet.

Im „Ausnahmezustand“ sei das Hirn während der Pubertät, so Braus, da hier vielerlei Veränderungen stattfinden. Die Phase, in der sich unsere Achtklässler befinden, sei geprägt von einer hohen Risikobereitschaft, dem Wunsch nach Grenzerfahrungen, besonders in und mit der Peergroup. Neue Freunde werden gesucht und gefunden, alte Kontakte abgebrochen, die Eltern als Urteilsinstanz verlieren an Bedeutung. Außerdem herrsche eine sehr schwache Kontrolle der Gefühle und der Verhaltenssteuerung vor. Die Mädels mutieren, wie viele meinen, oft zu Zicken und die Jungs neigen nicht selten zu (aggressiven) Imponiergehabe. Gleichzeitig zeigten „Pubertiere“ Mut für Neues, haben tolle Idee und benötigen jede Menge neuen Input. Hier liegt beispielsweise eine große Chance, Jugendliche für neue Sportarten oder für ein neues Musikinstrument zu begeistern. Allerdings kann das, was gestern noch hoch im Kurs stand, heute auch wieder uninteressant sein.

Insgesamt sieht Braus in der Pubertät viele Chancen, aber eben auch Gefahren. Der ärztliche Direktor zeigt in seinem Vortrag auf, was der Gebrauch von Drogen mit einem Pubertierenden-Hirn machen kann und wie sich zum Beispiel Kiffen auf die Synapsenbildung auswirkt. Braus verdeutlicht, dass die mit dem Genuss von Suchtmitteln erhöhte Ausschüttung von Dopamin zu einer verzerrten Hirnentwicklung beitrage, die, so Herms-Waldschmidt, im weiteren Verlauf des Lebens unter Umständen kaum wiedergutzumachen sei. Gesunde Ernährung, viel Sport, viel Schlaf und ein stabiles soziales Netzwerk, sind da nur wenige der wichtigen Grundpfeiler, die eine gute Entwicklung fördern und damit essentiell sind in einer Zeit, in der 70 Prozent der synaptischen Verbindungen „gekappt“ und neu gebildet werden.

Insgesamt aber, bilanziert Braus, sei die Pubertät eine „Chance für die Gesellschaft“, da Innovation, Neugier und gesellschaftliche Entwicklung vorangetrieben werden.

Dass Braus diese wichtige Phase der Adoleszenz jedoch nicht nur aus Elternperspektive betrachtet, beweist er am Vormittag, wo er unseren Achtklässlern einen Vortrag auf Augenhöhe hält und sich auch ihren vielen Fragen stellt, die die Schüler und Schülerinnen im Vorfeld gesammelt und an die Arzt gegeben hatten. Und auch den Jugendlichen gibt er nicht nur alle gewünschten Antworten, sondern auch einen witzigen, aber durchaus ernst gemeinten Rat: „Schock deine Eltern und lies ein Buch!“

Am Ende des Tages haben sie vielleicht immer noch keinen Bock auf Schule, wissen dann aber doch immerhin, warum das so ist und ja, liebe Eltern und Lehrkräfte, dass das in der Pubertät nicht nur normal, sondern vor allem auch entwicklungspsychologisch wichtig ist.

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