Haus der Geschichte

Studienfahrt der Jahrgangsstufe 12

Von Simon Ferel, 12

Frankfurt oder Bonn? Diese Frage stellte sich dem Parlamentarischen Rat 1949. Die neue Bundesrepublik Deutschland brauchte eine neue Hauptstadt. Berlin war geteilt und konnte erst in einem zukünftigen, wiedervereinigten Deutschland wieder Deutschlands Hauptstadt werden. Die Entscheidung fiel auf Bonn und wurde kurz darauf vom neu gewählten ersten Bundestag in einer knappen Entscheidung bestätigt, dank zwei Millionen DM Bestechungsgeld an etwa 100 Bundestagsabgeordnete (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44449823.html).

Diese Entscheidung gehörte zu den ersten, die Ende des Jahres 1949 von den Institutionen der neuen Bonner Republik getroffen wurden. Beginnend bei der gesellschaftlichen und politischen Situation Deutschlands zu dieser Zeit stellt das „Haus der Geschichte“ in Bonn die deutsche Geschichte nach 1949 detailliert dar. Die Ausstellung setzt dabei insbesondere auf vielfältige historische Originalgegenstände, Tonaufnahmen und Bilder. So wird zum Beispiel der sehr überschaubare Besitz eines deutschen Wehrmachtssoldaten während seiner Kriegsgefangenschaft in Russland gezeigt, aber auch der Spickzettel von Jens Lehmann aus dem Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale der Fußball-WM 2006 in Deutschland.

Wie diese Ausstellungsgegenstände schon zeigen, wird im „Haus der Geschichte“ nicht nur ein Schwerpunkt auf die weltpolitische Nachkriegsentwicklung gelegt, sondern auch auf die gesellschaftliche und kulturelle Realität in Deutschland und ihre Veränderung. Diese Vielschichtigkeit deutscher Geschichte wurde für alle Schüler der Jahrgangsstufe 12 im Rahmen der von der Geschichtsfachschaft organisierten Studienfahrt nach Bonn am 1. Februar 2018 nachvollziehbar.

In der ehemaligen Bundeshauptstadt wurden die Schüler in fünf Gruppen von je einem Geschichtslehrer begleitet. Für jede dieser Gruppen stand eine Führung durch die Dauerausstellung auf dem Programm, die in der begrenzten Zeit lediglich einen Überblick über die deutsche Nachkriegsgeschichte geben konnte, diese Epoche aber noch einmal ergänzend zum Geschichtsunterricht erhellen und besser nachvollziehbar machen konnte.

Zusätzlich zu dieser allgemeinen Führung nahm jede der fünf Gruppen an einer weiteren Führung teil, die einen Aspekt der deutschen Geschichte, Gesellschaft oder Politik weiter vertieften. Für eine Gruppe bedeutete dies, ein Zeitfenster zum eigenständigen, erneuten Besuch der Dauerausstellung zu haben und bei Interesse die Sonderausstellungen zu besuchen. Zum Beispiel stellt eine Sonderausstellung zurzeit die deutsche Vereinskultur dar und thematisiert, welche Bedeutung die 598.210 Vereine für die deutsche Zivilgesellschaft haben.

Eine zweite Gruppe setzte sich bei einer Führung durch das ehemalige Bundesratsgebäude mit dem politischen System der Bundesrepublik Deutschland auseinander und beschäftigte sich anhand einer kleinen Sonderausstellung mit dem Grundgesetz, das vom Parlamentarischen Rat im späteren Bundesratsplenarsaal ausgearbeitet und beschlossen wurde. Ebenso wurde in diesem Saal, wie bereits erwähnt, über die westdeutsche Hauptstadtfrage entschieden.

Die Ausrichtung heutiger deutscher Entwicklungspolitik wurde einer dritten Gruppe im Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) erläutert. Die Entwicklungspolitik Deutschlands wird nach wie vor von Bonn aus gelenkt, denn Bonn verlor zwar mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags am 3. Oktober 1990 den Status als Bundeshauptstadt an Berlin. Ein Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 1991 verlegte auch den Regierungssitz nach Berlin. Bonn behielt aber einige Bundesbehörden, so zum Beispiel den Bundesrechnungshof und eine Vielzahl an Bundesämtern, aber auch sechs Bundesministerien, darunter das BMZ.

Die deutsche Geschichte aus dem Blickwinkel der Karikaturisten zu betrachten, war die Beschäftigung einer vierten Gruppe, die an einem Karikaturenworkshop teilnahm. Dabei wurde in einem ersten Teil grundsätzlich diskutiert, was eine Karikatur ausmacht und was bei ihrer analytischen Betrachtung zu beachten ist. Ein zweiter Teil des Workshops setzte das dann in die Praxis um. Die Teilnehmer untersuchten dabei in Kleingruppen ausgewählte Karikaturen tiefergehend. Dazu wurden viele Exponate der Ausstellung herangezogen und in Verbindung mit den Karikaturen gebracht.

Ebenfalls ein zweigliedriges, aber ganz anders geartetes Programm stand für die letzte Gruppe im „Archiv der Sozialen Demokratie“ zur Verfügung. Dieses Archiv bewahrt in Bonn Dokumente über die Entwicklung der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung und ihrer Organisationen auf. Einerseits wurde die Arbeit eines Archivs erläutert, unter anderem nach welchen Kriterien Dokumente digitalisiert, aufbewahrt oder nicht aufbewahrt werden. Andererseits bestand der inhaltliche Schwerpunkt darin, sich anhand von Originaldokumenten mit verschiedenen Abschnitten der sozialdemokratischen Geschichte zu beschäftigen. Hierbei standen zum Beispiel die Rolle der Sozialdemokratie und der Arbeiter zur Zeit des Nationalsozialismus im Mittelpunkt, oder auch der Friedensnobelpreis für Willy Brandt.

Lange nach seiner Zeit als Bundeskanzler, war Willy Brandt 1991 einer der ausschlaggebenden Fürsprecher einer Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin, gerade in seiner Rolle als ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin und Politiker mit europäischer Perspektive. Zu der von ihm angestrebten Verlegung nach Berlin kam es dann auch. Diese Entscheidung hat auch dazu geführt, dass sich Bonn wieder von einer Stadt mit Weltbekanntheit in Richtung einer rheinländischen Universitätsstadt entwickelt hat. Allerdings ist die Welt auch ein bisschen mehr nach Bonn gekommen, denn die Vereinten Nationen (UN) nutzen einen Großteil der vorhandenen Infrastruktur und Gebäude der alten Bundeshauptstadt, unter anderem für den letzten Weltklimagipfel im Dezember 2017.

Das „Haus der Geschichte“ hat die deutsche Geschichte nach 1990 nicht aus dem Blick verloren. Im Gegenteil: Die gerade neu eröffnete Dauerausstellung greift inzwischen den europäischen Einigungsprozess, die Kanzlerschaften von Gerhard Schröder und Angela Merkel bereits als Teil neuester Geschichte auf. Dabei verschwimmt diese Geschichte untrennbar mit unserer Gegenwart, was sie umso wichtiger macht.

Gerade diese Gegenwartsgeschichte hat einen besonderen Eindruck hinterlassen. Wenn man zum Beispiel vor einem Stahlträger des World Trade Centers steht, der in sich enorm verdreht, ja regelrecht geschmolzen, aussieht und daneben Ausweise von Menschen liegen, die ihr Leben durch den Terror des 11. September 2001 verloren haben, berührt Geschichte stark.

Noch bewegender aber war das kleine ca. 7x2 Meter große, marode Flüchtlingsboot, das den Abschluss der Ausstellung markiert. Dieses Boot wurde von der maltesischen Küstenwache 2014 im Mittelmeer geborgen. 2016 holte Erzbischof Woelki, das Boot nach Köln und hielt auf dem Domplatz in Köln in diesem Boot seine Fronleichnamspredigt. Dabei predigte er eindrucksvoll die christliche und menschliche Position in der Flüchtlingsdebatte. Die Position, die die Menschen achtet. 

Auf dem kleinen Holzboot waren etwa 100 Flüchtlinge!