NeueSzeneLeibniz

Zu Gast im Staatstheater

Von Frau Hundt

Minutenlang dauert er an, der tosende Applaus im Schauspielhaus des Staatstheaters Wiesbaden. Immer wieder kommen die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen an den Bühnenrand und verbeugen sich tief. Doch nicht das Ensemble der staatlichen Bühne wird hier so frenetisch gefeiert, sondern die NeueSzeneLeibniz. Im Rahmen der Schultheatertage gastierte die Theatertruppe von Astrid Nagtegaal im Staatstheater und durfte ihr Stück „Die erhoffte Freiheit“, das auf dem Roman „Weggesperrt“ von Grit Poppe basiert, präsentieren. In dem Roman erfährt die 15-jährige Anja, was es heißt, die Tochter einer Republikflüchtigen zu sein. Nach einer misslungenen Flucht wird sie von ihrer Mutter getrennt und in einen Jugendwerkhof verfrachtet, wo sie - dem Staatsziel entsprechend - zu einer sozialistischen Persönlichkeit erzogen werden soll. Ziel ist es, ihr jeglichen Willen zum Widerstand zu nehmen.

Den jungen Schauspielern und ihrer Lehrerin gelingt es, beklemmende und mutmachende Szenen auf die Bühne zu zaubern. Hochkonzentriert tun sie dies: Denn über 90 Minuten befindet sich jeder einzelne Darsteller auf der Bühne, ob er spielt oder nicht und vermag es, die Zuschauer auf eine emotionale Reise in die Vergangenheit zu nehmen. Jeder einzelne von ihnen zeigt dabei eine unglaubliche Präsenz: Ob sie nun gemeinsam bei einer Montagsdemo „Freiheit“ skandieren, im blauen Papp-Trabi nach dem Mauerfall West-Berlin erkunden oder die Mauer Stück um Stück erst aufbauen, um sie am Ende mit Hammer und Meißel wieder einzureißen, die zwölf Jugendlichen lassen die jüngere deutsche Geschichte wieder aufleben - in all ihren Facetten. Der Jubel und Tanz zu Beginn, einstudiert von Jessica Wismar, bei dem sich die Ost- und Westdeutschen in den Armen liegen, erinnert eindrücklich an die Euphorie der ersten Tage nach dem Mauerfall. Die Nachwuchsschauspieler spielen und leben die Gefühle so echt und authentisch, dass man fast vergisst, dass sie selbst erst lange nach dem Fall der Mauer zur Welt gekommen sind.

Inspiriert wurde das Stück vom 30. Jubiläum des Mauerfalls. Gemeinsam hatten sich die Nachwuchsschauspieler im Vorfeld auf den Roman bzw. seine dramatische Umsetzung entschieden. Und eigene Szenen erarbeitet, die sie der Bühnenfassung ergänzt haben. Wochenlang verbrachten sie die Donnerstagnachmittage und Samstage in kreativer Klausur und probierten und schrieben, verwarfen Ideen oder entwickelten sie weiter. Während der Proben und natürlich der Aufführung, das weiß Astrid Nagtegaal, wurde ihren Schützlingen einiges abverlangt. „Körperliche und verbale Gewalt“, so die Pädagogin, wie sie in den gezeigten Erziehungsanstalten gang und gäbe waren, nachzuspielen und nachzuempfinden, geht da schon manches Mal hart an die Grenze des Erträglichen. Wo Astrid Nagtegaal die schier unendlich vielen Ideen für ihre Theaterprojekte herholt, weiß man nicht. Mit Herzblut und viel außerschulischem Engagement macht sie seit Jahren mit unseren Schülern Theater und begeistert die Jugendlichen für die Bretter, die die Welt bedeuten. Die Bilder, die sie entstehen lässt, bleiben im Kopf. Genauso wie die vielen kostbaren Aufführungen, die nicht nur den Schülern bleiben.

Mit Inbrunst und Herzblut füllen auch die jungen Schauspieler ihre wechselnden Rollen, werden dabei unterstützt von beeindruckenden Video-Projektionen und einem großartigen Bühnenbild. Unter der Leitung von Thorsten Wies schafft es das Bühnenbildteam, die vielen der verschiedenen Schauplätze lebensnah auf die Bühne zu bringen – inklusive Gefängnis. DDR reloaded heißt es dann aber spätestens,wenn die Punk-WG oder die kleinbürgerliche Zweiraumwohnung per Projektion auf die Bühne gebracht wird.

Gänsehaut pur garantiert - jedenfalls für all diejenigen, die den Mauerfall live miterlebt haben - Hans-Dietrich Genschers Auftritt in der Prager Botschaft und nostalgisches Amüsement hingegen David Hasselhoffs „I've been looking for freedom“, das den Zuschauern mit einem Schlag noch einmal das Lebensgefühl dieser Zeit beschert. Verdanken tun sie solche akustischen und visuellen Schmankerl der AG Medientechnik unter der Leitung von Till Kolb, die sich perfektes Timing auf die Fahne geschrieben hat.

Am Ende dann, als die Gruppe die Mauer auch wieder einreißt, gibt sie den Zuschauern eine starke Botschaft mit auf den Weg: Es liegt an uns, an dir und mir, Demokratie zu leben.

Für alle diejenigen, die nun enttäuscht sind, dass sie dieses Theaterhighlight verpasst haben: Am 6. September (12 Uhr) und am 7. September (20 Uhr) spielt die NeueSzeneLeibniz das Stück im Burggarten in Sonnenberg. Also, Tickets sichern!

Fotos von Alexa Sommer

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Seite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr Informationen