Projekttage: Gestern. Heute. Morgen. Demokratie erleben und gestalten

Braune Umzugskartons versperren den Besuchern und Besucherinnen den Weg im Eingangsbereich unserer Schule. Eine um den anderen teilen sie, sorgsam aufeinandergestapelt, die Eingangshalle in zwei Hälften und erschweren den interessierten Eltern und Großeltern das Durchkommen: Diese sind in unsere Schule gekommen, um gemeinsam mit der Schulgemeinde das „Festival der Demokratie“ zu erleben und gemeinsam die Freiheit zu feiern.

 

Wer sich beim Eintritt ins Schulgebäude und der Vielzahl der Kartons noch wundert und fragende Blicke in die Runde wirft, zeigt sich im nächsten Moment begeistert: Die braunen Pappkartons sind nicht die Überreste einer nicht vollendeten Projekttagsaktion, sondern Bestandteil einer Mauer, die unsere Schulgemeinschaft zwar nicht in Ost und West, aber dennoch sichtbar in zwei Hälften teilt. Gemeinsam hatte die Schülerprojektgruppe eine Unmenge von Kartons bemalt und gestapelt, um den Schülerinnen und Schülern, aber auch den Besuchern zu veranschaulichen und für alle erfahrbar zu machen, wie es ist, wenn eine Mauer urplötzlich ein unüberwindbares Hindernis darstellt, wenn Menschen und Welten schlicht und ergreifend getrennt werden. Wie einst im wahren Leben ist die eine Seite der Kartons mit bunten Graffitis bemalt, die andere Seite grau und farblos. Wer vor der Pappmauer steht, muss nach oben schauen und sieht, wie sich die Kartons scheinbar endlos stapeln – anders als im wahren Leben ist diese Mauer jedoch ein Hindernis, das umwunden werden kann. Ziel sei es gewesen, erzählt einer der Projektleiter, gerade den Kindern und Jüngeren zu vermitteln, was es bedeute, wenn eine Mauer das Leben bestimme und die Menschen voneinander trenne.

 

100 Jahre Weimarer Reichsverfassung, 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Mauerfall feiern wir, die Deutschen, in diesem Jahr. Drei gute Gründe, dachte sich unsere Schulgemeinde entsprechend, um sich unter anderem intensiv mit der Frage zu beschäftigen: Wie steht es eigentlich um die Demokratie in unserem Lande? Zwei Verfassungsjubiläen und drei Projekttage an der Leibnizschule boten ausreichend Gelegenheit, um sich eingehend und vielfältig mit dieser und ähnlichen aktuellen (politischen) Fragen auseinanderzusetzen. Einen fulminanten Abschluss erlebten diese Projekttage in unserem „Festival der Demokratie“ am 1. November, nur acht Tage vor dem 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls am 9. November.

 

Es wurde in den Klassenräumen und der Aula Demokratie geslammt, es wurde getanzt und musiziert, es wurden diverse Bürgerumfragen in der Innenstadt und Schule durchgeführt, sorgsam ausgewertet und Ergebnisse präsentiert, es wurden Parteien gegründet und Wahlen veranstaltet, es wurde recherchiert, was es bedeutete, in der DDR Kind zu sein, es wurde gerockt und debattiert, es wurde gehäkelt und gebastelt, um ein Zeichen für Nachhaltigkeit zu setzen, es wurde zum Klimawandel informiert, es wurde über den Tellerrand ins europäische Ausland hinausgeschaut, es wurde in die neuer deutsche Geschichte geblickt, aber auch die düsteren Kapitel unserer deutschen Vergangenheit, es wurde gefilmt, gedreht, interviewt, geschnitten und gelauyoutet. Kurz: Unsere Schule wurde kurzerhand zur Projektwerkstatt mit bunten Ideen, die Räume wurden geöffnet, die Schüler und Schülerinnen zu Initiatoren und die Schulleitung zu Tänzern. „Zum Erleben und Gestalten von Demokratie gehört leider auch ihre Verteidigung gegen ihre Feinde“, so einer der Projekttagskoordinatoren Markus Gück. Die Projekttage an der Leibnizschule, da ist sich der Musiklehrer sicher, eröffneten den Schülern in der praktischen und vor allem kreativen Auseinandersetzung unzählige Möglichkeiten und Einsichten, wie es der „normale“ Unterricht nicht immer vermöge. Bei soviel kreativen und kritischen Output war die Schulgemeinde dann umso dankbarer, dass die Eltern genauso bunt und vielfältig für das leibliche Wohl sorgten und so zum kulinarischen Erfolg des Tages beitrugen.

 

Unter dem Motto „Gestern. Heute. Morgen. Demokratie erleben und gestalten“ erwachten über 40 Projektideen, die also vielfältiger nicht sein konnten. Jedes für sich ist schon eine Loblied an die Demokratie: Denn in einem selbstbestimmten Planungsprozess entwickelte nicht nur die Lehrerschaft, sondern auch viele begeisterte Schüler und Schülerinnen in einer Art Ideenschmiede ihre Projekte – am Ende dann fiel die Einwahl in eines der Vorhaben über eine Online-Tool dem ein oder anderem Mitglied der mehr als tausendköpfigen Schulgemeinde sicherlich doch schwer.

 

Schon seit Februar dieses Jahres beschäftigt sich das Kollegium des Wiesbadener Gymnasiums mit dem Gedanken, wie man im Jahr 2019 Demokratie mit kreativen Mitteln zelebrieren kann: Statt feierlichen Gedenkveranstaltungen und staatstragenden Reden zu Themen, wollte die Schulgemeinschaft Demokratie so vielfältig und vital präsentieren, wie sie eben ist – und das mit Projekten, die eben selber eine „Werkstatt der Demokratie“ waren.

 

Schulleiter Rainer Guss lobte das Projektteam im Vorfeld auch entsprechend und zeigte sich nicht nur angesichts der Ideenvielfalt begeistert: „Wir unterstützen ausdrücklich die Schülerinitiativen und freuen uns darüber, dass bereits der Planungsweg zu den Projekttagen ein demokratisch geprägtes Miteinander war“. Auch die Schüler und Schülerinnen würdigen diese Form der Mitsprache, die sie so aus dem Unterricht nicht kennen: „Ich finde es toll, dass auch den Schülern Verantwortung übertragen wurde, die Woche mitzuorganisieren“, erzählte Fabio Ramirez Stern nicht weniger begeistert.

 

Am Präsentationstag dann, nachdem viel Projektbeteiligte Unmengen Arbeit, Schweiß und Liebe in ihre Projekte gesteckt hatten und sie mit viel Herzblut und auch Stolz präsentiert haben, gehen die Besucher nach Hause, die einen nachdenklich, die anderen beseelt. Einig sind sich jedoch alle: Freiheit und Mitbestimmung sind kostbare Güter, die es zu schützen und verteidigen gilt.

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