White Horse Theatre

Othello

Vier tiefrote Vorhänge schirmen den hinteren Bühnenraum unserer Aula ab: Den heimlichen Blick hinter die Kulissen des White Horse Theatre verhindern diese Samtvorhänge, die ganz nebenbei die Auf- und Abgänge der englischen Schauspieler ermöglichen. Zusammen sind die schweren Behänge das einzige, was das Tourneetheater als Kulisse auf unsere Guckkastenbühne zaubert. Auch die Kostüme der vier Schauspieler sind aufs Wesentliche reduziert worden, genauso wie die Requisiten, die ebenso sparsam, aber nicht minder effektvoll, eingesetzt werden. So ist es der Dolch, mit dem Othello seiner Frau Desdemona den Todesstoß versetzt oder eine Laterne, in der Hand Jagos, die die Nacht andeutet.

Wer meint, dass das kleine Wandertheater hier aus Not eine Tugend machen muss – in einem kleinen Transporter touren die Schauspieler und ihre Produktion durch Deutschland und besuchen deutsche Schulen - der irrt gewaltig. Schon die Schauspieltrupps zu Shakespeare Zeiten zauberten aus dem kleinsten Gerüst eine Bühne, die - ganz nach Bedarf - eheliches Schlafgemach oder nächtlicher Wachturm sein konnte und unterhielten ganz ähnlich ihre Zuschauer als fahrendes Volk.

Am vergangenen Dienstag wurde unsere Aula kurzerhand zum Schauplatz von Intrige und Mord, von Eifersucht und Liebe, von Rassismus und Vorurteil, als das White Horse Theatre Shakespeares Klassiker Othello wirkungsvoll auf unsere Bühne brachte und die Geschichte rund um den dunkelhäutigen Anführer der venezianischen Arme erzählte: Von loyalen Untergebenen und Freunden umgeben, heiratet Othello auf dem Höhepunkt seines Erfolges Desdemona und scheint alles erreicht zu haben. Dass Othello jedoch nicht allen trauen kann – und schon gar nicht Jago, dem Bösewicht par excellence, ahnt er nicht und muss es schließlich umso bitterer erkennen.

Auf 90 Minuten hatte das Theater Shakespeares Tragödie anschaulich gekürzt und präsentierte mit nur vier Schauspielern das Meisterstück der Emotionen - spannungsgeladen und kurzweilig. Gebannt saßen unsere Schüler und Schülerinnen der Q1 und Q3 und lauschten aufmerksam den Worten der vier Akteure. Alle Oberstufenschüler zeigten sich am Ende begeistert und feierten die Darsteller mit langanhaltenden Applaus. Überraschen tut dies nicht, schließlich thematisiert die Tragödie Themen, die aktueller nicht sein könnten. So löst das intrigante Spiel Jagos noch heute große Bestürzung aus, genauso wie Othellos Erkenntnis, dass er Desdemonas Treue und Liebe zu Unrecht infrage gestellt und sie ebenso zu Unrecht getötet hat.

Am Anfang habe ich von dem, was Jago am Bühnenrand in seinem Monolog gesagt hat, nichts verstanden“, gesteht Hanna, die das Stück bisher im Unterricht noch nicht behandelt hat, aber zuvor eine kurze Zusammenfassung im Unterricht besprochen hatte. Aber seine „Wut“, seinen Ärger, so die Oberstufenschülerin weiter, habe sie direkt spüren und zu Beginn sogar nachvollziehen können. Hanna, die den Englisch-Leistungskurs von Frau Hahn besucht, ist noch Tage später ganz begeistert: Nur das Theater, so die Schülerin leidenschaftlich, schaffe es, dass man sich so „richtig“ in die „Gefühlswelt“ einer Figur hineindenken könne. Entsprechend euphorisch ist die Schülerin, die sich selbst als „Theatermenschen“ bezeichnet, dass die Englischfachschaft das White Horse Theatre ohne viel Lärm um Nichts in die Schule geholt hat.

Wenn sie nächstes Jahr Othello im Unterricht lesen, haben sie, da sind sich Christian und Hanna einig, weniger „Angst“ vor dem Monumentalwerk Shakespeares und freuen sich sogar richtig darauf. Denn, so Christian, die Bilder der Aufführung könnten sie ganz einfach wieder aktivieren - außerdem habe man sich während der Aufführung schon richtig gut an die Sprache Shakespeares gewöhnen können.

Fare thee well, White Horse Theatre – vielleicht auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

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